Bericht vom Fest

Geburtstagskind Schriftstellerverband

Der LSV feierte im Merscher Literaturzentrum

130 Besucher, die ins Merscher Literaturzentrum gekommen waren, um Prominenten aus Politik, Medien und Wirtschaft bei der Rezitation von Texten Luxemburger Autoren zuzuhören, kann man ohne Zweifel als einen Erfolg für die Luxemburger Literatur verbuchen; darüber hinaus machte die Veranstaltung zum 20. Geburtstag des Luxemburger Schriftstellerverbandes (LSV) am Freitag im Merscher Literaturzentrum darauf aufmerksam, dass die Literaturszene genau wie andere kulturelle Bereiche unter Zugzwang steht, sich in ihrem Lesungskonzept zu erneuern, zu hinterfragen, sich auch immer wieder mal etwas Neues oder Originelles einfallen zu lassen, um die Lust des Publikums, ein literarisches Werk nicht nur zu lesen, sondern einer öffentlichen literarischen Veranstaltung beizuwohnen, zu fördern.

13 bekannte Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben waren in der Tat dem Aufruf des Schriftstellerverbandes gefolgt, anlässlich der Geburtstagsfeier des LSV eine Text zu lesen, hatten sich auf diese Weise zur Luxemburger Literatur bekannt und mit dieser Geste auch die einheimischen Literaten unterstützt.

Alles in allem war es spannend, mitzuverfolgen, wer welchen Text ausgewählt hatte, und die Tatsache, dass sowohl Prominente meistens auch recht gut im Vorlesen sind, trug natürlich zur guten Stimmung bei der Veranstaltung bei.

Sexuelle Verklemmtheit, Politik und Krieg

Andy Bausch las einen Text von Jhemp Hoscheit, bei dem es um die allgemeine sexuelle Verklemmtheit in der Luxemburger Gesellschaft ging, von der sich eine Frau zu befreien wünscht; Paul Helminger las englische Gedichte von Pierre Joris, zeigte sich von seiner kosmopolitisch-literarisch interessierten Seite und vermochte zu überzeugen. Colette Flesch konnte mit einem Text von Guy Rewenig ihre eigene Karriere bei der EU humoristisch-kritisch beleuchten, da Rewenig sich hier über die EU-Normen lustig machte. Viviane Loschetter las besinnliche Gedichte von Anise Koltz, welche sie gemeinsam mit ihrer Tochter wieder entdeckt hatte. Caroline Mart las einen Text ihrer Cousine Colette Mart, der an eine Familientragödie, nämlich die Ermordung eines gemeinsamen Onkels im Massaker von Sonnenburg rührte, die nach dem Krieg zu einer Art Familiengeheimnis wurde, weil das Leid unaussprechlich gewesen war. Edmond Israël las einen Text von Gaston Carré, in dem dieser sich humoristisch über die luxemburgischen Eigenarten und die Mehrsprachigkeit ausdrückt; Alvin Sold präsentierte einen Text von Jean Portante, der an den Anfang des Krieges 1940 in Differdingen rührte. Erna Hennicot-Schoepges las aus einem Kinderbuch von Jhemp Hoscheit, François Valentiny und Serge Kollwelter trugen Texte von Guy Rewenig vor, wobei letzterer auf die soziale Position und die Ausgrenzung von Fremdarbeitern aufmerksam machte. Claude Mangen beeindruckte mit einem Telefongespräch von Jean-Paul Jacobs, das ausgezeichnet und witzig vorgetragen wurde und verschiedene Luxemburger Eigenarten, über Menschen zu reden, herüber brachte.

Zufriedenes Publikum

Fräntz Biltgen berührte mit einer Geschichte seines Bruders Raoul Biltgen, bei der es um jene Strasse in Esch ging, in der beide Brüder aufgewachsen waren, und um die Beziehungen zur Nachbarschaft. Alex Reuter rührte seinerseits auch an den Krieg mit einem Ausschnitt aus Jay Schlitz Werk, welches an die Dramen von Auschwitz erinnerte.

Alles in allem konnten die Zuhörer hier Lustiges und Nachdenkliches hören, dies, nachdem die Direktorin des Literaturzentrums Germaine Goetzinger die Anfänge des LSV in ihrer Rede angesprochen hatte, und LSV-Präsidentin Colette Mart einige Uberlegungen zum Sinn und Platz der Luxemburger Literatur präsentiert hatte.

Das Publikum war recht zufrieden, blieb nach der Lesung noch lange im Museumscafé zusammen, um sich über die einzelnen Beiträge, sowie über verschiedene Momente aus der Geschichte des LSV zu erinnern.

Schwierige Geschichte

Diese Geschichte war natürlich keineswegs immer einfach, weil sich in der Literaturszene, genau wie in der Politik oder auch in den Medien, auch Rivalitäten abzeichnen, was schade ist, und welche die Gründung des Schriftstellerverbandes, also einer gemeinsamen Gewerkschaft der Autoren, eigentlich aufheben wollte. Dies bedeutete natürlich nicht, dass die Autoren nach der Gründung des LSV immer zusammenhielten, aber zumindest war ein Ansatz geschaffen worden, eine Plattform, in der es möglich wurde, zusammen zu arbeiten, was auch verschiedentlich gelang, konnten doch eine ganze Reihe von Forderungen der Schriftsteller durchgesetzt werden, sowie flotte gemeinsame Lesungen organisiert werden. Auch konnte in den letzten 20 Jahren die Präsenz der Luxemburger Literatur fester in der Gesellschaft verankert werden; sie erweist sich mittlerweile als ein oft kritischer, aber auch humoristischer oder besinnlicher Spiegel dieser Gesellschaft, und konnte auf diese Weise oft eine interessante Rolle spielen.

Bericht: Journal

 


Bürgermeister Paul Helminger las Pierre Joris


Claude Mangen, Viviane Loschetter und Caroline Mart unterstützten die Luxemburger Literatur


Paul Helminger, LSV-Präsidentin Colette Mart
und Colette Flesch


130 Zuhörer hatten sich eingefunden und waren aufmerksam und interessiert

Photos JW - Merci an Colette Mart


© LSV, Germaine Goetzinger & Guy Wagner, 2007 

Ried vum Germaine Goetzinger
Ried vum Colette Mart